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MARKT-AUSBLICK/"Alles muss raus" an den Börsen

01.08.2014, 15:32 Uhr

Von Benjamin Krieger

Der Sommerschlussverkauf ist in vollem Gange. Nicht nur in den Einkaufszentren, auch an den Börsen. Der DAX hat auf Monatssicht 800 Punkte oder 8 Prozent eingebüßt. Damit ist die bisherige Jahres-Performance des DAX wieder negativ. In der zu Ende gehenden Woche hat sich der Verkaufsdruck noch einmal verstärkt. Mittlerweile steht auch der Aufwärtstrend der vergangenen zwei Jahre in Frage. Fällt der DAX unter 9.200 Punkte - gegenwärtig handelt er nur noch knapp darüber - dann könnte sich die Bewegung noch beschleunigen.

Am Donnerstag, als rund 30 deutsche und europäische Schwergewichte Quartalsberichte veröffentlichten, trennten sich Investoren fast schon wahllos von Aktien. Unternehmen, die mit ihren Zahlen unter den Erwartungen lagen, mussten Kurseinbrüche von zehn Prozent und mehr hinnehmen.

Das krasseste Beispiel stellt wohl adidas. Am Donnerstag kurz vor Handelsbeginn teilten die Franken mit, dass sie in diesem Jahr nicht wie ursprünglich geplant 830 bis 930 Millionen Euro Gewinn machen werden, sondern nur 650 Millionen Euro. Daraufhin schütteten Anleger ihre adidas-Aktien regelrecht auf den Markt. Der Kurs brach um 15 Prozent ein bei 12 Millionen auf Xetra gehandelten Aktien. Das war der höchste Börsenumsatz seit mehr als sechs Jahren.

Mit der immer wieder kritisierten Ruhe und Selbstzufriedenheit am Aktienmarkt ist es also vorbei. Die Investoren rechnen künftig wieder mit deutlich stärkeren Ausschlägen der Kurse. So ist der VDAX als Gradmesser der Risikoeinschätzung, auch "Angstbarometer" genannt, auf Monatssicht von 12 auf 20 Prozent gestiegen. Der deutsche Aktienmarkt wird nun zum Opfer seiner bisherigen Stärke. Auf Sicht von zwölf Monaten hat der DAX andere Indizes wie den S&P-500, den französischen CAC-40 und den Londoner FTSE-100 zum Teil weit hinter sich gelassen. Nun nehmen Anleger hier auch überproportional Gewinne mit.

An Gründen für die ausgeprägte Verkaufsbereitschaft mangelt es den Beobachtern nicht. Von der Staatspleite Argentiniens über die kriegerischen Konflikte im Nahen Osten und der Ostukraine bis hin zum Ex-Notenbankchef Alan Greenspan, der jüngst einmal mehr einer Korrektur an den Aktienmärkten das Wort geredet hat. Nicht zu vergessen die nach wie vor schwache Konjunktur in der Eurozone bei deflationären Gefahren. Und in den USA stehen die Zeichen immer deutlicher auf steigende Zinsen. "All das hat sich miteinander verschworen und drängt alle Argumente für risikoreiche Anlagen in den Hintergrund", sagt Jonathan Sudaria, Händler bei Capital Spreads in London.

Sorgen bereitet den Märkten wohl vor allem die US-Notenbank. Der Druck auf die Fed wächst, die Zinsen zu erhöhen und den Geldhahn immer weiter zuzudrehen. "Die Investoren scheinen sich nicht mehr ausschließlich auf die Unterstützung durch die Zentralbanken verlassen zu wollen", merkt die Metzler Bank an. Die ultralockere Geldpolitik war aber eine Haupttriebfeder für die Hausse an den Börsen.

In diesem Umfeld zunehmender Verunsicherung können die Quartalsergebnisse den Aktienkursen keinen Rückenwind mehr geben. Laut Jan Rabe von der Deutschen Bank erholen sich die Gewinne schon seit mehreren Quartalen "nur quälend langsam". Bislang habe knapp die Hälfte der im Blue-Chip-Index Stoxx-600 enthaltenen Unternehmen Zahlen veröffentlicht. Beim Umsatz hätten nur 45 Prozent die Konsensprognosen übertroffen, beim Gewinn immerhin 54 Prozent. Letzteres ist jedoch weniger als der langjährige Durchschnitt.

Wie geht es nun weiter? Die gegenwärtige Abwärtsbewegung ist stärker und dauert länger als die drei jüngsten Schwächephasen im Januar, März und April. Damit nimmt aber auch die Wahrscheinlichkeit einer zumindest vorübergehenden Erholung zu. Die nächste markante Marke für den DAX ist das Jahrestief vom 14. März bei 8.913 Punkten. Bis dahin hat der DAX noch gut 3 Prozent Abwärtspotenzial. Ob Investoren auf diesem Niveau das Chancen-Risiko-Verhältnis wieder als attraktiv für den Wiedereinstieg erachten, bleibt abzuwarten.

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Unterstützung bekommen die Kurse derweil ausgerechnet vom Euro. Die lange Zeit feste Gemeinschaftswährung, die sich derzeit noch in vielen Quartalsberichten negativ niederschlägt, hat seit Anfang Mai zum Dollar von 1,40 bis auf unter 1,34 nachgegeben. Sollte der Trend fortdauern, dann könnten exportorientierte Unternehmen etwas aufatmen. Auch zum Pfund Sterling, zum Yen und zu anderen asiatischen Währungen wie Singapur-Dollar, Hongkong-Dollar und thailändischer Baht hat der Euro teils stark abgewertet.

Der Datenkalender für die kommende Woche ist prall gefüllt mit Quartalsberichten. Am deutschen Markt dürfte sich das Interesse auf DAX-Titel wie BMW, Deutsche Telekom, Commerzbank, Beiersdorf und die Allianz richten. Starke Kurseinbrüche wie bei adidas und Lufthansa könnten aber ausbleiben, selbst wenn die Ergebnisse die Prognosen nicht erfüllen sollten. Denn durch die jüngsten Kursverluste sind auch bei diesen Aktien niedrigere Erwartungen eingepreist.

Kontakt zum Autor: benjamin.krieger@wsj.com

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